Nicht nur eine Nachbetrachtung
Peter Hupfer
Professor und Prorektor an der Bauhaus-Universität Weimar
"Geschenk am Fuß"
oder: was die Informatik mit der Kunst zu tun hat
Am 21. Juni fand im Rahmen des Kunstfestes in Weimar's altem E-Werk die erfolgreiche Premiere einer etwas umständlich titulierten Veranstaltung statt:
"Interaktion für 4 Tänzer, Ensemble und Raumklangsteuerung durch berührungsempfindliche Tanzflächen".
Nach einer der 16 Tanz-Szenen wurde die Veranstaltung kürzer als "Geschenk am Fuß" bezeichnet. Die Gesamtkonzeption und die synthetischen Klänge stammten von Hans Tutschku, die Choreographie von Joachim Schlömer und die 4 Musiker des Ensembles für intuitive Musik spielten live auf der hinteren Bühne.
Die Informatik spielte, wie dies auch bei Kunstproduktionen angemessen erscheint, eine untergeordnete, fast unsichtbare Rolle: sie ermöglichte nämlich die Effekte, die durch die Bewegungen der Tänzer auf den beiden seitlichen Bühnen ausgelöst wurden. Die Tänzer bewegten sich in diesem Stück, in Umkehrung der Prioritäten des traditionellen Balletts, nicht nach einer vorgegebenen Musik (mindestens streckenweise), sondern sie erzeugten durch ihre Bewegungen die Klänge selbst bzw. lösten diese aus.
Die technische Realisierung dieses Vorgangs, einschließlich der Bereitstellung der Gerätetechnik, lag in den Händen der Medieninformatik der Bauhaus-Universität. An meinem Lehrstuhl Datenbanken und Kommunikationssysteme haben Dr. Kemter als Betreuer und die Informatik-Studenten Thurow und Heinrich als "Macher" das System sicher zum Laufen gebracht.
Benutzt wurden ein PC, der 2 mal 16 Trittmatten kontinuierlich abfragt, ob durch die Bewegungen der Tänzer ein Kontakt ausgelöst wurde, und der dann diese Information an einen Macintosh-Rechner weitergibt. Die Auslösung eines Kontaktes wurde in zweierlei Art interpretiert. In gewissen Szenen wurden Klänge und Geräusche ausgelöst, in anderen aber eine Bewegung der Live-Musik des Ensembles im Raum durch Steuerung der Lautsprecher erzeugt. Diese Interpretation der Kontakte war wieder Sache des Künstlers und wurde von Hans Tutschku mit Hilfe des freundlichen Mac-Programmes MAX realisiert.
Interessant an diesem Experiment ist, daß die Technik, die Informatik, neue Ausdrucksmöglichkeiten für künstlerische Produktionen erschließen kann. In der Anfangsphase einer derartigen Entwicklung, wenn sie gewissermaßen noch den Charakter einer Avantgarde besitzt, gehen diese Impulse aus der Kooperation von Künstlern und Technikern hervor. Es wird sicher die Zeit kommen, in der ein Künstler z.B. mit den Möglichkeiten des Raumklanges oder der Interaktivität so souverän umgehen kann , wie ein Komponist heute mit den Stimmen einer Partitur. Sicher wird es auch eine eigene Notation dafür geben. Wahrscheinlich wird es allerdings auch immer so sein, daß sich wieder neue technische Möglichkeiten abzeichnen, die noch nicht Routine geworden sind.
Die Medieninformatik stellt ihre technischen Möglichkeiten für unterschiedlichste Anwendungsgebiete zur Verfügung, neben Anwendungen z.B. im Rahmen von städtischen Informationssystemen sind dies auch Anwendungen auf dem Gebiet der Kunst. Gegenwärtig läuft z.B. mit Studenten der Informatik, der Musik und der Architektur ein erster Versuch, über ein "mediales Bachdenkmal" nachzudenken.
Wir hoffen, daß sich das Bauhaus-Konzept der Einheit von Kunst und Technik auch in Zukunft in konkreten Projekten niederschlagen wird und damit vielleicht zur Ausprägung eines besonderen Profiles unserer Universität beiträgt.
Die Informatik könnte zum "Geschenk am Fuß" der Kunst werden.

