
Ich lernte Gabi 1982 kennen, als sie im Haus/Atelier vom Schmuckgestalter Rolf Lindner experimentelle Filme zeigte und das EFIM Werke von Karlheinz Stockhausen spielte.
Ich habe michael von hintzenstern mit seinem bruder matthias von hintzenstern und mario peter und wigbert schwabe zum ersten male zu ihrem stockhausenkonzert in der von mir geführten privaten galerie im flur in erfurt am 13.2.1981 gehört. Die galerie wurde kurz darauf von der stasi „liquidiert“. Das konzert war für mich wie eine offenbarung, die musiker, die michael v.h. später zu seiner heute noch existierenden gruppe efim formierte, spielten intuitive musik, die mich wie in einer vision auf das plateau eines mexikanischen berges führte. Es war leer und voll von weißer milchiger luft, den ich als den ort des ursprungs erkannte, auf dem alles schöpferische möglich wäre.
Ab da öffneten sich für mich die potenz intuitiver vorgangsweisen, die ich später in der von mir gegründeten künstlerinnengruppe in filmen und performanceauftritten anwendete. Jede frau spielte sich selbst in ihre rolle: mit einer maske, einem text, einem musikinstrument, speziellen bewegungen ohne große vorabsprache, aber mit innerem vertrauen und verbundenheit. Die handlung entwickelt sich erst spontan und einzeln, aber erscheint insgesamt wie gesetzmäßig als eine einheit. Jede frau konnte sich in der gruppe geschützt über sich selbst hinausbewegen und war gerade in dem diktatorischen system, das seine bürgerInnen verunsichern, vereinsamen, isolieren oder zum selbstmord treiben wollte, ein für die stasi nicht zu durchschauendes solidarerlebnis.
Denn die wirkung der intuitiver musik ist nicht nur unter den spielern selbst, sondern zieht die energien des publikums mit in ihre darbietung hinein und geht wieder auf diese zurück. Seit 2001 nehme ich mit texten, filmen oder aktionsmalerei an den spektakulären auftritten von efim teil, deren zusammenspiel sich immer mehr verfeinert. Ich schreibe fast jedes jahr einen neuen text für diese oft einmaligen auftritte. Unser zusammenspiel ist intuitiv, kurz vor auftritt machen wir einen kleinen plan, der sich im geschehen entfaltet.
Gabriele Stötzer 7.3.2025
Gabriele Stötzer, 1953 in Emleben bei Gotha geboren, studierte Germanistik und Kunsterziehung in Erfurt, wurde jedoch 1976 exmatrikuliert. Wegen einer Unterschriftenaktion gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann verbrachte sie 1977 ein Jahr im Frauengefängnis Hoheneck.
Nach ihrer Entlassung arbeitete sie zunächst auf Bewährung, kündigte aber später und gründete 1981 die private „Galerie im Flur“ in Erfurt, die bald verboten wurde. Sie etablierte sich als unabhängige Künstlerin und prägte die Kunst- und Untergrundszene der DDR. Ihre Werke und Projekte standen über ein Jahrzehnt für Widerstand und gesellschaftliche Reflexion.
1989 engagierte sie sich in der Bürgerinitiative „Frauen für Veränderung“ und beteiligte sich an der ersten Besetzung einer Stasi-Zentrale. Nach ihrer Rehabilitierung 1991 erhielt sie ihr Hochschuldiplom. Von 1992 bis 1994 baute sie das Kunsthaus Erfurt mit auf. Internationale Vorträge, Workshops und Stipendien führten sie unter anderem in die USA. Werke von ihr sind im Getty Center Los Angeles und im Harvard Museum Boston vertreten.
Von 2010 bis 2020 lehrte sie Performance an der Universität Erfurt. 2013 wurde sie für ihr künstlerisches und politisches Engagement mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Heute lebt und arbeitet sie in Erfurt und Utrecht.