Im Jahr 2023 erlebte ich eine seltene Erfahrung unmittelbarer Natur im Pantanal in Brasilien. In der Morgen- und Abenddämmerung lauschten wir den langsamen Übergängen zwischen Nacht und Tag: Vogelrufe und Tierstimmen, die aus unterschiedlichen Entfernungen auftauchten und sich in einem Raum von eindrucksvoller Tiefe überlagerten.
Dieses Werk versucht nicht, diese Landschaft nachzubilden. Es entfaltet sich vielmehr in Akten des Erinnerns und Rufens — Fragmente, die ins Gedächtnis treten, heraufbeschworene Präsenzen, Klänge, die in einem erweiterten Zeitempfinden erscheinen und wieder vergehen.
Das Violoncello imitiert keinen Vogelgesang. Seine Motive sind neu komponierte Figuren — eigenständige Klangwesen. Im Gegenüber zu Feldaufnahmen aus dem Pantanal tritt das Instrument in einen fragilen Dialog mit einer lebendigen akustischen Umwelt. Mitunter verschmilzt es mit ihr, mitunter steht es allein — eine solitäre, verletzliche Stimme, die uns an unseren Einfluss auf die Umwelt erinnert. In manchen Momenten verwandelt sich der Klang des Cellos in einen Aufschrei: nicht die Darstellung eines bestimmten Vogels, sondern eine intensivierte menschliche Geste innerhalb einer zunehmend bedrohten Klangwelt.