Augenblickliche Verklanglichung der schöpferischen Ströme
Einblicke in die Geschichte des Ensembles für Intuitive Musik Weimar
Liest man den Titel „Klänge des Augenblicks“ laut vor, so bleibt der Blick unbewusst an dem Buchumschlag hängen, perfekt symbolisieren die Sterne auf dem dunklen Himmelshintergrund die aufleuchtenden klanglichen Blitzgedanken. Das kosmische Aufmacherbild ist kein Zufall, denn es handelt sich beim EFIM um ein Ensemble für Intuitive Musik – und diese Musik ist mit dem kosmischen Bewusstsein untrennbar verbunden. Der Zusatz „1980–2024“ macht deutlich, dass der Fokus des Buches mit seinen rund dreihundert Abbildungen auf der sinnlich erfahrbaren Geschichte des Ensembles liegt. 44 Jahre lang hat der Musiker, Journalist und Ensemblegründer Michael von Hintzenstern akribisch Fotos, Briefe, Artikel und andere Zeitzeugnisse gesammelt, die einen Überblick zum Werden und Wirken der Gruppe aus Weimar geben können.
Der erzählerische Faden wird aus den autobiografischen Erinnerungen des Autors gesponnen, doch auch die künstlerische Entwicklung anderer Ensemblemitglieder nimmt im Verlauf der Dokumentation immer deutlichere Umrisse an, gehören doch zum Ensemble drei weitere Musiker, die auch außerhalb des EFIM eigene künstlerische Wege eingeschlagen haben: der Komponist elektroakustischer Musikwerke Hans Tutschku, der Cellist Matthias von Hintzenstern, sowie der Horn- und Trompetenspieler Daniel Hoffmann. Alle aus der DDR stammend, zeigten diese Musiker bereits in jungen Jahren Interesse an der offiziell unerwünschten Neuen Musik, die in der gesellschaftlichen und kulturpolitischen Diktion der DDR mit dem Attribut „dekadente westliche Kultur“ verbunden war.
Impulse und Einflüsse
Der westdeutsche Komponist Karlheinz Stockhausen (1928–2007) galt in den 1970er Jahren als Pionier der avantgardistischen Musik. Von seinen Werken inspiriert, strebte der damals 14-jährige Michael von Hintzenstern einen Briefaustausch mit ihm an, der in den folgenden Jahren immer intensiver wurde. Die Besonderheit eines solchen Briefkontaktes im kulturellen Klima der deutsch-deutschen Teilung ist schwer zu überschätzen. Deshalb beschreiben Musikwissenschaftler die gründliche Beschäftigung von Hintzensterns mit einem in der DDR als negativ wahrgenommenen Komponisten aus dem Westen zugleich als einmalig und furchtlos. Entsprechend dem später etablierten Stockhausen-Motto „Furchtlos weiter“ entwickelte sich auch das Interesse von Hintzensterns an den in seiner Heimatstadt tabuisierten Musikformen – eine davon war die Intuitive Musik. Diese entsteht unmittelbar im Moment der Werkausführung. Sie wird durch die verbalen Spielanweisungen des Komponisten an die Musiker vorbestimmt, kommt aber erst durch eine eigene Interpretation der Spielenden zustande, jedes Mal in einer neuen Gestalt und Form. Gemäß der Idee Stockhausens fungieren die interpretierenden Musiker dabei als eine Art Rundfunkempfangsgeräte, die an die „schöpferischen Ströme“ des Komponisten angeschlossen werden. Die Aufführungen solcher Musikwerke bildeten fortan die Hauptaktivität des 1980 gegründeten EFIM, bestehend aus Klarinette, Violoncello, EMS-Synthesizer und Orgel.
Beschreibt das erste Kapitel des Buches die Umstände der Ensembleentstehung, so stehen in den nachfolgenden Abschnitten die zahlreichen Konzerte, Festivals, Zusammenkünfte mit verschiedenen Musikern und Künstlern sowie etliche Aufführungsformen im Fokus. Ein weiteres Kapitel ist der ersten persönlichen Begegnung zwischen Michael von Hintzenstern und Karlheinz Stockhausen in Kürten gewidmet, wo der Komponist lebte. Die geschilderte Atmosphäre des Treffens an einem sonnigen Dezembertag und der erste Eindruck vom Komponisten „mit strahlendem Gesichtsausdruck und elektrisierender Aura“ rief bei der Verfasserin dieser Rezension verblüffende Parallelen mit ihren eigenen Erinnerungen an die erste Begegnung mit dem Meister hervor, geprägt von dessen „Zugewandtheit, ja väterlicher Fürsorge und Herzlichkeit“. Auch die Begegnungen mit dem Trompeter Markus Stockhausen, dem Sohn des Komponisten, werden beschrieben; nicht zuletzt weil Markus Stockhausen infolge der ersten Bekanntschaft häufiger von Köln aus in die DDR zu gemeinsamen Auftritten reiste und damit eine „grenzüberschreitende Zusammenarbeit“ möglich machte.
Traditionen und Herausforderungen
Der Hauptteil der retrospektiven Erzählung ist den musikalischen Aktivitäten des Ensembles zwischen 1980 und 1990 gewidmet, wobei sich dokumentarische Episoden mit Textpassagen zu speziellen Themen abwechseln. Angaben der Ensembleteilnahmen am Festival „Tage Neuer Musik“ in Weimar werden durch einfallsreiche und farbenprächtige Plakatabbildungen ergänzt. Eine Landkarte mit den Aufführungsorten der 125 EFIM-Konzerte in der DDR geben eine Vorstellung davon, wie die Konzert- und Reisetätigkeit des Ensembles verlief. Neben Aufführungsrezensionen, Konzertfotos und Veranstaltungsplakaten sind in der Dokumentation aber auch Berichte des Ministeriums für Staatssicherheit zu finden. So notierte der Stasi-Informant „Lutz Müller“ im Dezember 1982 aus Anlass eines privaten Musikabends in Erfurt: „Nachdem eine Stunde ‚Stockhausmusik‘ geboten wurde, kam es zu einem organisierten Beisammensein bei Bier, Wein und Fettbroten […]“.
Eine Reaktion auf derartige Eingrenzungen beim Ausleben der progressiven Kreativität ist – geschichtlich gesehen – nicht selten die Steigerung des künstlerischen Potentials. So wird im Kapitel „Radiophonie“ die Multifunktionalität des Radios als Sender, Empfänger und Musikinstrument aufschlussreich dargestellt. Für Jugendliche in der DDR hatte ein solches Transistorradio eine besondere Bedeutung, da es überall hin mitgenommen werden konnte und in der Regel auch westliche Sender empfangen konnte. In der Atmosphäre der totalitär kontrollierten Informationen war es eine der wenigen Möglichkeiten der kulturellen Bereicherung und der Erweiterung des eigenen ästhetischen Horizonts. Für Michael von Hintzenstern bedeutete es auch einen Weg, sich künstlerisch auszudrücken. Nachdem er die Entwicklung einer neuen Tradition erklärt, um interaktive und experimentelle Formate bei der Radiophonie einzusetzen, mündet die Beschreibung der Hausgerätemusik in der Schilderung einer entsprechenden Aufführung des EFIM: eines Telephonie-Konzerts, bei dem die Hörer zum Mitmachen aufgefordert wurden. Selbst aus heutiger Sicht hat ein solches Format nicht an Aktualität verloren, betrachtet man die telefonische Hörer-Beteiligung als partizipatives Element der Aufführung. Im Hinblick auf die künstlerischen Aktivitäten des EFIM sind die Radio-Projekte umso bemerkenswerter, da sie thematisch an die ursprüngliche Konzeption der Intuitiven Musik anschließen und damit die Idee Stockhausens mit der in der DDR entstandenen Radiophonie-Tradition verknüpften.
Ein weiteres Zusammenspiel findet sich im Kapitel „Kirche und Orgel in Denstedt. Nische für Neue Musik“, das von den Klangexperimenten in der Dorfkirche nahe Weimar berichtet, dargeboten auf einer Orgel, die bereits von Franz Liszt bespielt wurde. Denstedt wurde seit 1981 zur „Nische ungestörten Wirkens“ in einem ansonsten avantgarde-kritischen Umfeld und etablierte sich zu einer herausragenden Spielstätte für avantgardistische Musik. Dort stehen – bis heute – regelmäßig die Kompositionen Stockhausens auf dem Programm, aber auch Aufführungen mit verschiedenen Besetzungen, wie beispielsweise einem Theremin-Spieler, ebenso Werke von Liszt und Zeitgenossen.
Schließlich beinhaltet Klänge des Augenblicks zahlreiche Hinweise auf Verbindungen mit verschiedenen Kunstformen und Genres wie Tanztheater, Parkmusik, Film, Dada, Fluxus und Klanginstallationen, die zur weiterführenden Lektüre einladen. Dennoch bleiben zwei thematisch relevante Schwerpunkte erkennbar: die Inspiration und der Einfluss durch das Werk Karlheinz Stockhausens sowie die Realisierung dieser und weiterer künstlerischen Vorhaben im kulturell-politischen Kontext der späten DDR, der nicht nur Herausforderungen bereithielt, sondern durchaus zu kreativen Lösungen führte.
Dr. Katerina Grohmann, Musikwissenschaftlerin, Berlin
Michael von Hintzenstern: Klänge des Augenblicks. 44 Jahre Ensemble für Intuitive Musik Weimar. 1980–2024, 256 S., Weimar: Klang Projekte Weimar 2024, ISBN 978-3-00-078834-5; 44 €