suite […] grandiose von François Tousignant, Le Devoir, Montreal

Konzertkritik

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[…] Am nächsten Tag sitzt man wieder am selben Platz, um Hans Tutschku zu entdecken. Man kennt seine Musik ein wenig von Aufnahmen – aber im Bereich der Akusmatik ist eine CD nur ein schwacher Ersatz für die Realität. Und genau das hat das Konzert eindrucksvoll bewiesen!

Wer auch nur zögerlich (oder gar allergisch) auf diese so notwendige Musik des Jahrhunderts reagiert – brennend aktuell, zukunftsweisend, voller engagierter Integrität in einem visionären Jetzt –, sollte Tutschku unbedingt live erleben.

Hier entdeckt man eine ganz andere Art, akusmatische Musik zu denken und zu gestalten. Tutschku beginnt mit dem Aufbau einer räumlichen Hülle – nicht als bloßes kinetisches Nebengeräusch wirbelnder Klänge im Raum, sondern als eine multidimensionale Bühne, die er zu bewohnen sucht. Perspektive spricht, Schweigen ist beredt, Geste und Komposition entfalten allmächtige Bedeutung.

Schnell erkennt man: Wir haben es mit dem Haydn der elektroakustischen Musik zu tun. Jede der fünf gehörten Werke ist ebenso musikalisch, originell, empfindsam und ausdrucksstark wie ein Streichquartett von Haydn.

Tutschkus Raumkonzept stammt nicht aus trigonometrischen Berechnungen. Wir befinden uns in einer klanglichen Gebärmutter, einem Matrixraum, voller nährender Öffnungen – geboren aus einer ebenso einzigartigen wie fruchtbaren Vorstellungskraft. Verführerisch? Ja, unbedingt. Und es erzwingt eine konzentrierte, überwältigende Aufmerksamkeit für die Musik – eine Musik, die nur von sich selbst spricht, trotz mancher politischer Anklänge (wie in … Erinnerung…). Sie will vor allem Kunst sein – um ihre Botschaft edel und erhöht zu tragen, von ihrer eigenen Zeit neu geformt.

Zeit – diese so grundlegende Größe, physisch wie psychologisch – Tutschku erfindet sie nicht nur, er erschafft, nährt und formt sie. Wie sein klassischer Ahne (ja, der Vergleich mit Haydn ist unvermeidlich), kennt er keinen Abfall.

Egal welches Werk – nichts ist dem Zufall überlassen. Ein Klang kündigt sich im Hintergrund an, verschwindet, kehrt dann in den Vordergrund zurück. Eine scheinbar ornamentale Idee wird zum Fundament des nächsten Abschnitts.

Die Musik entfaltet sich, stürzt sich wie in einen Trichter und tritt irgendwo wieder hervor – mit einer erschütternden Natürlichkeit. Alles wirkt einfach, was den intuitiven Zugang zur Tiefe ermöglicht. Tutschku tanzt eine durchdachte Art von Walzer – zwischen Ebenen der Perspektive, im Detail und im Gesamtvolumen – zwischen Narration und Durchführung, wie man sie seit Berg und Stockhausen kaum gehört hat. Und das auf seine ganz eigene Weise – ohne Zitate, Methoden oder ästhetische Dogmen.

Jedes Stück klingt wie eine Sonatenform ohne Exposition oder Reprise. Leise führt uns Tutschku ins Herz der Musik, seiner Musik. Der Atem dieser Kunst wird zum unseren. Vokabular, Syntax, Grammatik – alles wird transzendiert. Ob das Material synthetisch oder konkret ist (aufgenommene Klänge wie Sprache, Gamelan oder andere Klangobjekte), das von Schaeffer erträumte Solfège erreicht hier – wie bei Jonty Harrison oder Parmerud – eine Zone der erschütternden, befriedigenden Wahrheit.

Was? Nur Meisterwerke? Ja! Absolut!
Das Schönste ist, einen Stil zu erkennen, der allein durch seine Größe überzeugt – eine Handschrift zu zähmen, ohne dass sich je Manierismus zeigt. Genie – ich scheue das Wort nicht – erzwingt sich nicht, es führt – unwiderstehlich. Tutschkus Musik ist bewohnend, zugleich Mahlstrom und Wirbel, Supernova und spiegelglatte See – wie seine Live-Darbietung: intelligent, poetisch, überwältigend schön.

So ergriffen, wagt man kaum zu klatschen. Man wartet – voller Sehnsucht – auf das nächste Mal.